Ist PeBeM in der Praxis umsetzbar?

Predrag Antunović, Erfahrungsbericht Januar 2023

 

Die Frage, ob PeBeM in der Praxis wirklich umsetzbar ist, begleitet mich schon viel länger, als es das Bundesprojekt selbst gibt. Rückblickend begann diese Auseinandersetzung für mich bereits im Jahr 2007. Damals hatte ich als Leitung eines neu gebauten Pflegeheims im Ruhrgebiet die Möglichkeit, gemeinsam mit einem Kollegen die Bewohnerversorgung grundlegend neu zu denken. Unser Ansatz war einfach und zugleich radikal: Wir planten die stationäre Pflege so, wie man es aus dem ambulanten Bereich kennt.

 

Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter erhielt eine eigene Tour, klar strukturiert, qualifikationskonform und transparent. Frühdienst, Spätdienst und Nachtarbeit waren sauber geplant, orientiert an den tatsächlichen Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner. Statt kleinteiliger Einzelaufgaben setzten wir auf bewohnerbezogene Pflegeleistungen, die in den Touren nachvollziehbar abgebildet waren. Die Medikamentengabe wurde nicht mehr als starres Ritual zerlegt, sondern sinnvoll in den Alltag integriert. Digitale Systeme gab es damals nicht, wir arbeiteten mit Excel-Tabellen und Papier – und trotzdem funktionierte es erstaunlich gut.

 

Der Pflegealltag wurde übersichtlicher, Aufgaben gingen seltener verloren, Verantwortlichkeiten waren klar. Selbst Themen wie Büroorganisation oder Hygienebegehungen waren fest eingeplant und einzelnen Touren zugeordnet. Rein fachlich betrachtet hätte dieses Modell Bestand haben können. Was wir jedoch unterschätzt hatten, war der menschliche Faktor. Wir hatten einen entscheidenden Fehler gemacht: Die Wohnbereichsleitungen waren nicht von Beginn an Teil des Projekts.

 

Die neue Struktur wurde als von oben verordnet wahrgenommen. Die Folge war Widerstand, offene und verdeckte Blockade und letztlich das Ende eines Projekts, das fachlich überzeugt hatte, aber organisatorisch nicht getragen wurde. Diese Erfahrung war schmerzhaft, aber lehrreich.

 

Mehr als zehn Jahre später wurde mit dem PeBeM-Bundesprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Heinz Rothgang genau dieser Ansatz wissenschaftlich fundiert aufgegriffen. Die sogenannte Ambulantisierung der stationären Pflege, also die konsequente Ausrichtung der Personalbemessung am tatsächlichen Pflegebedarf, war plötzlich nicht mehr nur eine Idee aus der Praxis, sondern bundesweit anerkanntes Ziel. Die Rothgang-Studie zeigte klar, was viele von uns seit Jahren spüren: Der reale Zeitbedarf für Pflege ist deutlich höher als die bisherigen Personalschlüssel abbilden können. Versorgungsdefizite sind keine Ausnahme, sondern strukturelles Problem.

 

PeBeM ist die Antwort auf diese Erkenntnisse. Es schafft erstmals eine Grundlage, um Personal bedarfsgerecht und nachvollziehbar zu bemessen. Dass die Umsetzung bis Ende 2025 verpflichtend ist, zeigt, wie ernst es dem Gesetzgeber mit diesem Paradigmenwechsel ist. Doch ein Instrument allein verändert noch keine Realität.

 

Heute, mit all den Erfahrungen aus früheren Projekten, weiß ich, worauf es wirklich ankommt. PeBeM ist umsetzbar, wenn man es als gemeinsames Vorhaben versteht. Wenn Projektgruppen frühzeitig gebildet werden, wenn alle relevanten Akteurinnen und Akteure einbezogen sind und wenn Führung nicht als Durchsetzung, sondern als Beteiligung verstanden wird. Genau so konnten wir in den vergangenen Jahren mehrere PeBeM-Projekte erfolgreich begleiten und umsetzen.

 

Solche Umstrukturierungen brauchen Menschen, die daran glauben, dass es besser werden kann. Menschen, die bereit sind, vertraute Abläufe zu hinterfragen und ihre Komfortzone zu verlassen. Das ist nicht immer leicht und manchmal auch unbequem. Aber es eröffnet die Chance auf etwas Neues – auf mehr Struktur, mehr Klarheit, bessere Arbeitsbedingungen und vor allem auf mehr Zeit für das, worum es in der Pflege eigentlich geht: den Menschen.

 

PeBeM ist kein Allheilmittel. Aber richtig umgesetzt ist es ein wirkungsvolles Werkzeug, um Pflege wieder näher an den tatsächlichen Bedarf zu bringen. Und genau das macht es aus meiner Sicht nicht nur umsetzbar, sondern notwendig.